Niebuhr-Hochhaus: Verkauft – vergiftet – verdrängt

Ein offener Brief der MieterInnen-Initiative Reeperbahn

Es ist Montag morgen, 8:00 Uhr. Ich sitze mit einem Dezibel-Meßgerät in meinem Bett und messe einen durchschnittlichen Wert von 105db (kurzzeitig noch höhere Werte), verursacht durch Bohrarbeiten an der Fassade der Reeperbahn 157. Es war nicht möglich sich in der Wohnung verbal zu verständigen, selbst durch Schreien nicht.

Nun lässt sich Lärm immer schwer beschreiben, es weichen die Wahrnehmungen der Menschen deutlich voneinander ab. Aber es liegen nachvollziehbare Werte vor:

Bei öffentlichen Veranstaltungen darf tagsüber ein Pegel von 55db nicht überschritten werden, die Schweiz z.B. untersagt gesetzlich alle Werte über 100db in Discotheken und bei Konzerten, weil sie eine Gesundheitsschädigung nicht ausschließen kann.

Als „Faustregel“ ist dabei zu bedenken das sich alle 10db die wahrgenommen Lautstärke verdoppelt.

105db sind also nicht einfach 5 Einheiten mehr, sondern 50% lauter als 100db*.

Wie sollen wir BewohnerInnen unter solchen Umständen in diesem Haus leben?

Die Lärmbelästigung ist aber nur ein Faktor von vielen:

Seit 2-3 Jahren werden Wohnungen über Wochen einzeln grundsaniert (was mit ähnlich starken Belastungen für die BewohnerInnen einhergeht) und es wird noch Jahre so weiter gehen, es handelt sich immer hin um 150 Wohneinheiten, es sind längst noch nicht alle saniert.

Dabei sind in der Vergangenheit wiederholt Gefahrenstoffe wie Asbest und KMF ohne jegliche Schutzmaßnahmen abgebaut und abtransportiert worden. Noch immer ist der Umgang mit diesen Gefahrenstoffen mehr als zweifelhaft.

Das ganze Haus wird von März bis mind. November von einem Gerüst mit einer Folie verdeckt, der Licht- und Lufteinfall in den Whg ist äußerst gering, teilweise sind die Fenster direkt mit komplett undurchsichtigen Folien verklebt worden, die Balkone dürfen nicht betreten werden, usw.

Warum zähle ich das alles hier auf?

Um darauf hinzuweisen das hier ein Strukturwandel des Hauses betrieben und gefördert wird.

Zahlreiche, oft langfristig hier lebende Menschen ziehen aus, die Mieten werden bei Neuvermietung bis zum 3-fachen des jetzigen Preises hochgeschraubt oder die Wohnungen verkauft, MieterInnen werden von den neuen Eigentümern belästigt und bedroht.

Ähnliches passiert an vielen anderen Orten auf St. Pauli – dieses ist nur ein Haus davon, aber ein spezielles.

Das was den Kiez immer ausgemacht hat, diese vielen unterschiedlichen Lebensentwürfe unter einem Dach, die Toleranz gegenüber Seltsamen und Anders-Denkenden, wird es so bald nicht mehr geben.

Nur noch verwertet, als Teil einer Marke der Stadt Hamburg, oder als hochglanzfotografierte Astra-Werbung.

Ein sehr kurzfristiges Denken, Fehler die – meiner Meinung nach – nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Ich bitte Sie deswegen:

Tun Sie alles in ihrem Bereich mögliche und noch mehr um diesen Verlauf aufzuhalten!

Das hier ist nicht nur einfach eine Baustelle, hier leben Menschen!

Schauen Sie nicht weg, geben Sie sich einen Ruck!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit,

Ein Bewohner

Wir als in der Initiative Reeperbahn 157 zusammengeschlossenen MieterInnen haben in den letzten Jahren Erfahrungen sammeln müssen, die dieser persönliche Erlebnisbericht treffend zusammenfasst. Mehrfach haben wir uns an Politik und Öffentlichkeit gewandt, mehrfach wurde uns versichert, dass sich gekümmert wird. Mehrfach haben wir uns verraten und verkauft gefühlt. Auch in der momentanen Phase der gesteigerten Sanierungstätigkeiten, stellt sich für uns die Situation derart dar, als zählten die Belange der Mieter und MieterInnen nichts oder nur sehr wenig.

 

Wir fordern endlich ein generellen Gefahrenstoffkataster für das Niebuhrhaus und allen Risikoimmobilien in Hamburg.
Was in anderen Bundesländern längst Standard ist, gilt in Hamburg nicht. Hier muss weiterhin die Belastung von Gefahrstoffen einzeln nachgewiesen werden, anstatt Riskoimmobilien erstmal unter Generalverdacht zu stellen und alle Gefahrstoffe im Haus zu untersuchen und damit den größtmöglichen Schutz für die BewohnerInnen zu gewährleisten!

Wir fordern Ersatzschlaf- und Arbeitsräumen z.B. in den Tanzenden Türmen.

Die oben eindrücklich beschriebene Lärmbelästigung bedeutet für die meisten von uns eine nicht hinzunehmende Beeinträchtigung des Alltags. Menschen in Schichtarbeit können tagsüber nicht schlafen, diejenigen von uns, die ihre Wohnung auch als Arbeitsplatz benutzen können nicht mehr arbeiten. Wir alle sind am Ende mit unseren Nerven. Um diese äußerst beeinträchtigende Belastung zu entschärfen, braucht es die Zur-Verfügung-Stellung von Ausweichräumen.

Eine Politik, die den Geist der sozialen Erhaltungsverordnung WIRKSAM umsetzt

Bei einer Informationsveranstaltung im August 2012 stellten wir BezirkspolitikerInnen unsere Situation dar. Alle Anwesenden waren sich einig, dass dies unhaltbare Zustände sind. Alle wären sich einige, dass es hier nicht zu einer Verdrängung der Bewohnerschaft kommen darf. Allein, das Gegenteil ist eingetreten. Wir fordern Sie auf, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen um endlich eine wirksamen Schutz vor Verdrängung für uns BewohnerInnen zu realisieren. Worte helfen uns nicht weiter!

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